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Port Elizabeth

Geografische Lage
Kontinent:Afrika
Staat:Südafrika
Provinz:Ostkap
Distrikt:Nelson Mandela Bay
Daten & Fakten
Höhenlage:0-60 m ü. NN
Fläche:1845 km²
Küste:16 km
Einwohnerzahl:1244900
Gründungsjahr:1820
Flughafen:Port Elizabeth Airport

Walmer District – das Township – unser Zuhause

12. Oktober 2011 : | Geschrieben von

Wie ihr vielleicht wisst, bin ich meinem Abschluss nach Ethnologin. Ethnologen praktizieren gemeinhin die Teilnehmende Beobachtung. Nun bat mich eine befreundete Ethnologin (hallo Sindy!!), meinen nächsten Blog-Eintrag ein wenig ethnologisch zu gestalten. Feld: Das Township. Nun, dass ich im Township lebe, kommt der teilnehmenden Beobachtung also schon näher. Natürlich nur bedingt. Und zwar in dem Sinne, als das wir vier Deutschen Nasen uns hier unsere kleine Höhle geschaffen haben. Ganz nach europäischem Standard, wenn es möglich ist. So stehen auf dem kleinen Badregal 4 Zahnputzbecher, auf dem anderen Badregal stehen europäische Kosmetik- und Pflegeprodukte usw.
Wenn mal – wie heute morgen auch – wieder eine Kakerlake in der Dusche sitzt, dann kommt endlich mal etwas einheimischer Schwung in die Bude..

Bei allem, was ich folgend Beschreibe, spielt meine Sozialisation mit rein, also von Objektivität kann man nicht ausgehen.

Soweit und soviel dazu.

Unser Praktikantenhaus befindet sich also im Walmer Township. Im Osten grenzt das Township an den Flughafen und im Norden an das teuerste Pflaster Port Elizabeths: An das Vorstadt-Gebiet Walmer. Warum: In der Apartheid brauchten die Herrschaften im Suburb ihre Arbeiter, die nach getaner Arbeit sich hinter ihre Zäune und Mauern zurück zu ziehen hatten, eben ins Township.

Das Walmer Township ist das älteste, das es in PE gibt. Und auch das ärmste.

Wie viele Menschen hier genau wohnen, lässt sich einfach nicht sagen. Man vermutet zwischen 60000 und 100000 Seelen. Auf 3 Quadratkilometern. Es ist also ein großer Distrikt, in dem ungeheuer viel Leben steckt.
Das Walmer Township widersetzte sich damals der Verlegung. Dafür wurde die ganze Location dann mit Mauern und Zäunen abgeriegelt. Erst 1994 bekam das Township Anschluss an Wasser, Strom und Abwasserkanäle. Insgesamt wurde und wird wenig staatliches Geld in den Distrikt gesteckt. Die Bildungsrate ist niedrig, es gibt keine Hight School, Qualifizierte ziehen weg..

Steve Biko wurde damals im Walmer Township verhaftet, arrestiert und so sehr geprügelt, dass er schließlich auf dem Weg ins Krankenhaus starb. Wen dieses Thema näher interessiert, dem empfehle ich den Film „Cry Freedom“. Man findet in Walmer Location viele PAC-, ANC- und AZAPO-Anhänger.

Wenn ich tagsüber hier rumlaufe, sehe ich Ziegen, Hühner, Esel u.v.m. frei herumlaufen. Wem was gehört und welches System dahintersteckt, vermag ich nicht zu sagen. Zu eigentlich jedem Haus gehört mindestens ein Hund. Das zieht sich übrigens durch die ganze Stadt. Es sind Wachhunde, ob nun im Township oder im Suburb oder in der Innenstadt. Hund ist Inventar. Klein, groß, scheckig und einfarbig. Hier sieht man soviele Hunde! Katzen habe ich bisher echt noch keine gesehen. Einmal dachte ich, da würde eine Katze auf der Mauer rumchillen, aber dann war das ein Erdmännchen. Klar, auch beeindruckend, aber ich vermisse die Mieze-Katzen schon ein wenig.

Langsam gewöhne ich mich daran, aber ich war auch schon w-i-r-k-l-i-c-h genervt von der Taverne, die parallel zu unserer Straße läuft und die Abends laut Musik laufen lässt. Der Geräuschpegel ist schon hoch, dazu das Geschnacke und Gelächter der Tavernen-Besucher UND irgendwie geht das auch immer einher mit einer Rauchwolke. Vielleicht ist es ja auch der Nachbar und ich tue dem Tavernen- Besitzer unrecht, aber die Rauchsäule riecht nach verbranntem Plastikmüll, vielleicht auch mal „nur“ nach Lagerfeuer. Wochenends und bei gutem Wetter so ziemlich jeden Tag gegen Abend. Also dann, wenn wir nach wohlverdientem Feierabend nach Hause kommen. Eigentlich auch wenn kein gutes Wetter ist. Wäre der Geräuschpegel ähnlich hoch im Suburb (oder in Deutschland) und das nach 20 Uhr, wäre man ganz schnell einen Kopf kürzer (erinnert euch nur mal an den „netten“ Nachbarn vom Büro, als wir vorletzte Woche den Abschieds-Braai machten).
Schön daran ist, dass man recht schnell mitsingen kann. Die Playlist ist nicht sonderlich abwechslungsreich, nach ungefähr 35 Liedern geht’s von vorne los..
Man bekommt, wenn man hinschaut, einiges vom Leben der Anderen mit. Tagsüber stehen die Türen der meisten Häuser offen, man sieht die Bewohner und Gäste drinnen sitzen, Kinder spielen im Garten und auf den Straßen, es wird Wäsche gewaschen und draußen aufgehängt. Vieles spielt sich im Freien und auf den Straßen ab. Man bekommt mit, wenn der Nachbar sich einen Gottesdienst im TV anschaut oder eben ein Gottesdienst in der nahgelegenen Kirche läuft. Der Glauben an Gott spielt eine wichtige Rolle. Freikirchliche, Anglikaner, Methodisten und weitere finden sich überall und sie spielen eine wichtige Rolle im sozialen Leben.

Eine Straße, wie viele andere...

Eine Straße, wie viele andere...

Man kann hier durch nur eine Straße laufen und trotzdem so unterschiedliche Häuser sehen. Im Prinzip gibt es diese drei Typen von Häusern: aus Stein, aus Wellblech und eine Kombination von Beidem. Es gibt einen Teil des Townships, in dem gerade die alten Häuser durch neue von der Regierung ersetzt werden. In Reih und Glied steht da ein kastenförmiges Haus neben dem anderen. Leider sollen wir uns in diesem Teil aber nicht rumtreiben, da es dort wohl wegen der außergewöhlich hohen Dichte an Verbrechern zu gefährlich für uns sei. Nicht tagsüber, vor allem nichts nachts und am Besten noch nicht mal mit dem Auto sollen wir dort entlang fahren.
Aber es gibt Steinhäuser und – Steinhäuser. Sie können sehr unterschiedlich aussehen. Manches Mal sind sie auch 2-stöckig. Es scheint gewisse Fassaden-Farben zu geben, die günstig im Einkauf sind: Hellblau, Rosa und Gelb. Viele Häuser haben diese Farbe. Andere Häuser wiederum sehen für unsere europäischen Augen mit unseren europäischen Klischees so gar nicht nach Township-Haus aus: Mit zum Beispiel Stein-Optik Fassade und massiver Holz-Eingangstür. Aber wie auch immer die Häuser von außen aussehen, man kann nicht ahnen, wie es drinnen aussieht.. Ich war nun schon in ein paar Häusern, die teilweise weniger einladend von Außen her wirkten, die aber mit so viel Liebe eingerichtet waren.

Ein schönes Bild, so friedlich, viel Grün. Insgesamt findet man viel Grün an, um und zwischen den Häusern.

Ein schönes Bild, so friedlich, viel Grün. Insgesamt findet man viel Grün an, um und zwischen den Häusern.

Es gibt geteerte Straßen, unbefestigte Straßen, auch hier wieder eine Mischung aus Beidem und eine Menge an Trampelpfaden quer über Wiesenflächen, auch Abkürzung genannt. Die Abwasserkanäle überschwemmen sehr schnell, so dass bei heftigem Regenschauer schnell die Suppe über die Straße läuft.
Ja, eigentlich gibts auf dem Bild nichts besonderes zu sehen - große Pfütze mit ein wenig Müll, Straßenecke, Haus, Wiese, ein paar Leute...

Ja, eigentlich gibts auf dem Bild nichts besonderes zu sehen - große Pfütze mit ein wenig Müll, Straßenecke, Haus, Wiese, ein paar Leute...

Man findet viel Müll auf der Straße. Ich weiß nicht genau, ob das fürs ganze Township gilt, aber bei uns in der Ecke kommt Mittwoch morgens die Müllabfuhr. Gegenüber von uns an der Straßenecke wird der Müll aufgehäuft und dann abgeholt.

Eine belebte Ecke, an der Viele rumhängen und sich treffen, und an der täglich Früchte, wie zum Beispiel Orangen und Mandarinen, verkauft werden. Im Hintergrund sieht man einige Läden, auch "Shweme&Shweme", ein Bestattungsunternehmen..

Eine belebte Ecke, an der Viele rumhängen und sich treffen,und an der täglich Früchte, wie zum Beispiel Orangen und Mandarinen, verkauft werden. Im Hintergrund sieht man einige Läden,auch "Shweme&Shweme", ein Bestattungsunternehmen..

Ich mag mein Township, ich fühle mich hier wohl. Solange wir uns innerhalb von vielen Menschen aufhalten, kann uns nichts passieren, wird uns immer wieder gesagt. Die Menschen um uns herum beschützen uns. Nur wenn wir nachts alleine rumlaufen würden, wäre das eine Einladung sozusagen, uns anzugehen oder auszurauben.
Auf der Straße werden wir gegrüßt, man kennt uns, kann uns einordnen. Naja, wärs anders, würde es mich etwas wundern, denn immerhin sind wir die einzigen Weißen im Distrikt. Man bringt uns Respekt entgegen, bei der Begrüßung lässt sich das schon erkennen: Uns Mädels begrüßt man mit „Hello/Good Morning/Hi, Sis/Sister/Sissy“. Keiner, der uns kennt, würde an uns vorbeilaufen und uns nicht grüßen.
Oft werden wir von einer Schar von Kindern quer durchs Township begleitet, die „Mlungu“ (-“Weiße“) rufen. Also weiß man immer, wenn wir unterwegs sind..


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4 Kommentare zu “Walmer District – das Township – unser Zuhause”

  1. Angie Arnold schrieb am 21. Oktober 2011 um 22:38 Uhr:

    wiedermal klasse geschrieben. mein Schatz…wir werden Dir auch weiterhin folgen..
    Mom & Peter


  2. Jenny schrieb am 19. Oktober 2011 um 12:41 Uhr:

    Klasse Blog !! Sehr Ausführlich und es macht Spaß ihnbzu lesen !!!!


  3. Udo schrieb am 13. Oktober 2011 um 21:39 Uhr:

    Hallo herzallerliebste Nichte,
    was mich brennend interessiert ist, wie die Einkaufsmöglichkeiten in „deinem“ Township sind?
    Gibt es da sowas ähnliches wie einen Supermarkt oder eher ein Kiosk? Und wie sind die Preise dort?
    Habe mal wieder gegoogelt und nun das Township gefunden. Sind wahnsinnig viele Hütten dort in der Nähe des Flughafens. Und ein Stückchen weiter weg gibt es tolle Häuser. Welch ein krasser sozialer Unterschied.
    LG
    Udo


  4. Sindy schrieb am 12. Oktober 2011 um 14:08 Uhr:

    Hallo,
    vielen Dank für meine namentliche Erwähnung als Ideengeber 😉
    Ist wirklich sehr ausführlich und aufschlussreich deine Schilderung. DANKE!!!


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